Warum wir dafür nicht zuerst unsere Probleme lösen müssen, sondern unsere Muster verstehen sollten

Ein Fachbeitrag nach einem Live-Webinar der Systemischen Coaching Gesellschaft Deutschland (SCGD) mit Jens Richter

Stress entsteht zuerst im Erleben

Stress gehört für viele Menschen inzwischen zum Alltag. Termine, Erwartungen, Veränderungen und Konflikte erzeugen das Gefühl, ständig funktionieren zu müssen. Doch was wäre, wenn Stress gar nicht in erster Linie durch äußere Umstände entstünde – sondern durch die Art und Weise, wie wir Wirklichkeit erleben?

Genau dieser Frage widmete sich Jens Richter, Mitbegründer der Systemischen Coaching Gesellschaft Deutschland (SCGD) und Entwickler der ROC®-Methode (Reflektives Outdoor Coaching®), in einem Live-Webinar.

Seine zentrale These lautet:

Wir verändern unser Leben nicht dadurch, dass wir gegen Stress kämpfen. Wir verändern es, indem wir lernen, unsere eigenen Muster immer früher zu erkennen und dadurch bewusst neue Erfahrungen zu ermöglichen.

Ein einfaches Beispiel verdeutlicht dies eindrucksvoll: Wer nachts aus einem Albtraum aufschreckt, erlebt körperlich nahezu dieselben Stressreaktionen wie in einer realen Gefahrensituation. Puls und Blutdruck steigen, Stresshormone werden ausgeschüttet und der Körper bereitet sich auf Angriff oder Flucht vor – obwohl die Person sicher in ihrem Bett liegt.

Unser Gehirn reagiert also nicht auf die objektive Realität, sondern auf die Wirklichkeit, die es in diesem Moment konstruiert. Stress ist deshalb häufig weniger ein Problem der Situation als der inneren Verarbeitung.

Warum wir unsere Wirklichkeit selbst erschaffen

Zur Veranschaulichung verweist Jens Richter auf das bekannte Gummihand-Experiment. Bereits nach kurzer Zeit beginnt das Gehirn, eine künstliche Gummihand als Teil des eigenen Körpers wahrzunehmen.

Dieses Experiment zeigt eindrucksvoll, wie unser Erleben entsteht: Wahrnehmung ist keine objektive Abbildung der Wirklichkeit. Sie entwickelt sich fortlaufend durch Erfahrungen, Rückkopplungsschleifen und individuelle Bedeutungsgebung.

Dasselbe geschieht in Teams, Familien und Organisationen. Menschen reagieren nicht allein auf Tatsachen, sondern auf die Wirklichkeit, die sie gemeinsam erzeugen.

Nicht die Menschen sind das Problem – sondern die Rollen und Zustände, aus denen heraus sie handeln

Im ROC®-Ansatz steht deshalb nicht die Frage im Mittelpunkt:

„Warum verhält sich dieser Mensch so?“

Sondern:

„Aus welchem inneren Zustand heraus erlebt dieser Mensch die Situation – und welche Rolle entsteht daraus?“

Unter Stress zeigen sich häufig typische Rollen:

  • Menschen übernehmen ungefragt die Führung.
  • Andere halten ihr Wissen zurück.
  • Manche übernehmen ständig zusätzliche Verantwortung.
  • Wieder andere ziehen sich aus Angst vor Kritik zurück.

Keine dieser Rollen ist grundsätzlich falsch. Im Gegenteil: Sie entstand ursprünglich als sinnvolle Anpassungsleistung und verfolgte eine positive Absicht.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht:

Wie werde ich diese Rolle los?

Sondern:

In welchem Kontext hilft sie mir – und wann beginnt sie, mich zu begrenzen?

Reflexion schafft Abstand – und eröffnet neue Möglichkeiten

Ein zentraler methodischer Zugang der ROC®-Methode besteht darin, eine Beobachterposition einzunehmen. In der Psychologie spricht man dabei von Dissoziation.

Solange wir vollständig mit unserem Erleben identifiziert sind, reagieren wir automatisch. Erst wenn wir innerlich einen Schritt zurücktreten, entsteht ein neuer Handlungsspielraum.

Im Reflektiven Outdoor Coaching® geschieht dies durch gezielt entwickelte Interaktionen, systemische Aufstellungen und erfahrungsorientierte Übungen.

Dabei geht es nicht darum, Probleme immer wieder zu analysieren, sondern das eigene Erleben von außen betrachten zu können.

Erst dieser Perspektivwechsel ermöglicht neue Erfahrungen – und damit nachhaltige Veränderung.

Fazit

Stress verschwindet selten dadurch, dass sich die äußeren Umstände verändern.

Er beginnt sich dort aufzulösen, wo Menschen lernen, ihre eigenen Wahrnehmungs- und Handlungsmuster bewusst zu erkennen.

Genau darin liegt der Kern der ROC®-Methode: Nicht gegen Stress zu kämpfen, sondern jene inneren Prozesse zu verstehen, aus denen Stress überhaupt erst entsteht.


Über diesen Beitrag

Dieser Artikel basiert auf einem Live-Webinar der Systemischen Coaching Gesellschaft Deutschland (SCGD) mit Jens Richter, Mitbegründer der SCGD und Entwickler der ROC®-Methode (Reflektives Outdoor Coaching®). Die Inhalte wurden redaktionell aufbereitet und für die praktische Anwendung im Coaching, in der Führung und in der Teamentwicklung zusammengefasst.